Extra2007-06-17_15-42-33 – flashback – … es ist Sonntag.

Nach einer etwas langatmigen Geschäftsfeier, die ich mal wieder als Fahrer eines Alkohol-Leichenwagens bestritten habe falle ich müde und zufrieden ins Bett, während die Vögel schon aufstehen. Der Regen wird weniger; die langsam heller werdenden, tiefhängenden Wolkenfetzen schütteln ihre letzten Regentropfen
ab, der Tag beginnt. “Prima” denke ich- “ein ruhiger Sonntag steht an: nach einem ordentlichen Schläfchen lasse ich mich nachher vom Telefon wecken, Micha wird dran sein, dann gehen wir sein angedachtes Wohnhäusle besichtigen”…- irgendein gebrauchtes Objekt in der Nähe von Heidenheim- und falle zufrieden ins Bett.

Irgendwann als der Schlaf schon flacher wird klingelt dann auch das Telefon: halb eins, Micha ist dran- Start 1330h bei ihm. Alles klar. Duschen, Zähne putzen, ein übrig gebliebenes Kuchenstück von der gestrigen Feier zwischen die Zähne geschoben und los gehts, wie abgemacht. Angekommen bei ihm werfe ich mein Fotoapparat und das Klemmbrett für die Notizen der geplanten Hausbesichtigung in den Fußraum seines Werkswagens und die Fahrt beginnt. Er hat mal wieder einen dicken Werksflitzer dabei. Das Vorserienfahrzeug nimmt knurrend den Druck seiner rechten Fußspitze entgegen und wir pressen mit Hilfe des voluminösen Achtzylinders ordentlich Gummi in den warmen Asphalt. Bei höheren Geschwindigkeiten beginnt die Mühle zu pfeifen, als wäre der Turbolader kaputt. Irgendein Dichtungsproblem an der Türe. Aha. Mal wieder so ein halbfertiges Auto- aber was solls. Schick ists und ausreichend Leistung ist da, es macht Spaß. Ob er die Unterlagen für das Haus dabei habe- “klar, im großen Umschlag, liegt hinten”. Einwandfrei- es ist alles da und ich beginne langsam wach zu werden. Während die Straße zu einem Band wird huschen wir auf der zweispurigen Bundesstraße vorbei an diversen Kleinwägen mit kopfwackelnden Greisen sowie dahinschleichenden Familienvans garniert mit den üblichen nervigen Strichzeichnungen von “Luca”, “Lea” und all den sonstigen Prestige-Vorzeigekindern. Ein gewohntes Bild auf den sonntäglichen Straßen von Deutschland wo alle nur noch im Energiesparmodus bei 80 Stundenkilometern durch die Lande drosseln. Das Navigationssystem zeigt als Ziel irgendwo die schwäbische Provinz an. Telefonat bei Micha – blabla – ich höre gar nicht zu und geniesse das zügige Dahingleiten. Irgendwann lassen wir die zweispurige Straße hinter uns und fegen über kleinere Sträßchen um in Heubach den Flugplatz anzusteuern. Fragend blicke ich zu Micha und der faselt irgendwas von Treffpunkt. “Gut” denke ich mir, das macht Sinn- schließlich ist es inzwischen schönstes Wetter, da hat man als Häuslesbesitzer womöglich auch Hobbys und staubt bei 1/8 Cumuli nicht gerade die Vorhänge ab…

Angekommen auf dem Flugplatz steige ich aus; bei etwas mehr als 20°C garniert mit leichtem Wind und denke so still bei mir, daß es an einem solchen Tag sicher sinnvoller wäre, die geliebten Modellflieger durch die Lüfte zu steuern als alte gebrauchte Häuser anzuschauen. Aber was soll´s, abgemacht ist abgemacht. “Häusleseigentümer ?” – “Ja, die sind irgendwo hinten in einem Hangar und schrauben gerade noch was.” Ok, dann laufen wir mal nach hinten: vorbei an der sonnenbeschienenen Terrasse des kleinen Flughafenrestaurants, vorbei an den ersten Hangars mit geöffneten Toren. Es sind schöne Flugzeuge zu sehen, sogar ein hergerichteter alter Doppeldecker eine “Bücker Jungmann” ist dabei. “Sehr schick. Hier gefällts mir” denke ich und wir nähern uns langsam einem geöffnetem Hangar in dem eine kleine Kunstflugmaschine steht. “Guck mal, eine Extra !” bemerkt Micha bereits in einiger Entfernung und ich wundere mich ein wenig über diesen Ausspruch. Ob er wohl in letzter Zeit die Red-Bull-Airraces im Fernsehen angeschaut hat ? Könnte sein. Beim Näherkommen entdecke ich einen Schriftzug auf der Maschine “Extra200″. Aha. Daher scheint also die Fachkenntnis zu kommen. Wir biegen ums Eck und ein aufgeräumtes, vergnügtes Pärchen ist an der gepflegten Maschine zugange.

Es sieht ein bisschen nach “putzen und tanken” aus, aber nicht nach “wir brechen sofort auf um wie besprochen das Wohnhaus zu besichtigen”. Ich begrüße die Zwei freundlich und lobe die grün-goldene Maschine mit den Kunstflugvisieren an den Flügelspitzen. Ob es heute noch in die Luft geht erkundige ich mich. “Ja, WIR gehen heute noch in die Luft” bekomme ich von der Dame zur Antwort. Etwas fragend blicke ich Micha an, der mit den Unterlagen im großen Umschlag wedelt- “ja, das ist der Delinquent”, gibt er von sich, Angelika Heiß anblickend. In unendlicher Langsamkeit beginne ich zu begreifen. Der Blick schweift durch die Halle- es sind unmittelbar keine anderen Flugzeuge abflugbereit zu sehen – Blick zur Kunstflugmaschine: ja, es ist ein Zweisitzer. Micha grinst: Der aufmerksame, prüfende Blick der Pilotin sowie die verlangsamten Bewegungen in beobachtender Haltung des Kerls mit dem Reinigungstuch in der Hand lassen mir langsam klar werden, daß ich gemeint bin, das schmucke Kunstflugzeug was damit zu tun hat und das anstehende Tagesprogramm wahrscheinlich nur noch entfernt was mit der angedachten Wohnhäuslebesichtigung zu tun hat.

Große Freude und leichte Skepsis macht sich breit. Habe ich das richtig verstanden? Ich, der so gerne seine kleinen Modellflugzeuge durch die Luft wirbeln läßt, darf mitfliegen in einem “richtigen” Flugzeug- also keinem 20sitzigen Luftbus, sondern einem richtigen Sportgerät? Ein “richtiges” ausgewachsenes Kunstflugzeug mit Leistung, Festigkeit und Strukturreserven, ein Flug mit einer gestandenen, erfahrenen Kunstflugpilotin, ein Flug der alles bisher Erlebte in den Schatten stellen könnte ? Ein deutliches Verschieben der Horizonte von Erfahrung und Wahrnehmung ? Ein faszinierender Gedanke. Während all den Überlegungen habe ich vergessen mein Gesicht zu bewegen. Vermutlich ist es inzwischen runtergefallen, aber plötzlich ist es wieder da. Angelika Heiß, die mich die ganze Zeit beobachtet hat lächelt mir freundlich und bestimmt zu; sie wird mich als Gast in Ihrem Flieger mitnehmen.

Da gebe ich doch gleich mal Micha den gesamten Inhalt meiner Hosentaschen – Schlüssel, Geldbeutel und den sonstigen Krempel brauche ich jetzt eh nicht, das gebe ich doch in so einer Situation gerne her – es stört bestimmt nur und hat beim Kunstflug wahrscheinlich nichts im Cockpit verloren. Plötzlich biegen auch die ersten bekannten Gesichter um die Hangarecke: Steffen, Judith, Oli, die zwei Zwerge Fabienne und Vivienne, sowie Bernhard und Fanny tauchen auf; Robby, Miriam, Lena und Kerby haben sich ein wenig verfahren, sie werden wohl zehn Minuten später auftauchen. Alle haben ein Lachen im Gesicht und freuen sich auf das anstehende Ereignis. Mir ist klar, daß der Tag was Besonderes ist. In Michas Umschlag waren keine Gebäudeunterlagen sondern die nachträgliche Glückwunschkarte für meinen zurückliegenden Geburtstag. Ich beginne nachzudenken und stelle fest, daß ich noch meine „Betriebstemperatur“ noch gar nicht erreicht habe. Obwohl die Uhr bereits nach 15:00h zeigt ist es für mich noch etwas früh am Tag – hatte ich doch heute noch gar keinen Kaffee. Für mich als Koffeein-Junkee eher etwas ungewöhnlich- doch Max, der Kerl der vorher noch mit Flugzeugputzen beschäftigt war und mich vorher fast unbemerkt von der Seite beobachtet hat während ich das Flugzeug umrundet habe reicht mir freundlicherweise ein Cola und beginnt mir verschiedene Dinge zu erläutern, die für den anstehenden Flug wichtig sind. Er hilft mir beim Anlegen des Fallschirms und erklärt mir mit ruhiger Stimme die Funktion des Rettungsgerätes und wie ich ihn gegebenfalls zu bedienen habe; Er versucht mir zu beschreiben, wie man sich im Flug fühlt und weist mich darauf hin, daß es wichtig sei den auftretenden Belastungen mit Körperspannung zu begegnen. Ich versuche mir alles zu merken so gut es geht- inclusive der Blickführung nach der ich mich erkundigt habe. Ich ahne, daß es für mich völlig Ungeübten nicht einfach werden wird während meine Spannung steigt.

Da wir längere Zeit nichts von Robby nichts hören, beschließen wir schließlich ins Cockpit zu steigen. Ich nehme vorne Platz und Pilotin Angelika sitzt in etwa auf Höhe der Endleiste hinten. Max hilft mir beim Einsteigen und Anlegen der Gurte; er weist mich darauf hin, wie ich die Gurte nachspannen kann; er erläutert mir wie das Abwerfen der Kabinenhaube im Notfall vonstatten geht und wie ich mich von den Gurten lösen kann, die mich im Flugzeug halten. Er reicht mir dann zum Schluss die Kopfhörereinheit mit Mikrofon, verstaut die dazugehörigen Kabel so, daß sie nicht stören können und – völlig neu für mich – verschließt die Klettbänder des Kopfhörers unter meinem Kinn. Die erste Kopfhörereinheit weist einen Wackelkontakt auf, doch Max hat schnell eine zweite zur Hand und meine akustische Verbindung zu Angelika steht. Durch das Drücken eines kleinen roten Knopfes zu meiner linken gibt das kleine Mikrofon kurz vor meinem Mund die gesprochenen Worte direkt an Angelika weiter. Robby, Kerby Miriam und die kleine Lena sind inzwischen auch eingetroffen. Prima. Es kann losgehen.

Die Haube wird geschlossen und Angelika wirft den Motor an – der Propeller beginnt schnell zu drehen; er verschwindet optisch und nur ein leichtes Schimmern läßt erahnen, daß da vorne ordentlich Luft geschaufelt wird. Nach einem kleinen Wortwechsel zwischen Angelika und dem tower rollen wir in Richtung des einen Endes der Bahn. Völlig unkompliziert schiebt sie das Gas rein und wir beschleunigen gegen den Wind auf dem Asphaltband um nach sehr kurzer Zeit abzuheben – für Angelika dauert es etwas länger als sonst, wie sie kurz nach dem Abheben über den Kopfhörer zu verstehen gibt- meine Zusatzlast von achtzig kilo macht sich bemerkbar. In einer großen Linkskurve gewinnen wir Höhe und die Häuser werden kleiner. Das gute Wetter läßt den Albrand heute aussehen wie eine sehr gepflegte Modelleisenbahnlandschaft. Ich sehe schwäbische Einfamilienhausstrukturen unter uns hinwegziehen und denke vergnügt, daß die Häuslesbesichtigung von mir heute so nicht geplant war. So gefällt es mir viel besser- in dieser Entfernung sind Bauschäden nicht ohne weiteres wahrnehmbar und Häuslesbauerprobleme erfreulich weit weg.

Die Maschine liegt in der Luft wie ein Brett. Der Blick zur Seite auf die Flügeloberfläche zeigt kein wackeln, kein walken, kein Beulen, nichts. Die Bänder am Ende des Visiers zeigen mit vielleicht vier, fünf Grad nach oben und liegen gestreckt in der Luft. Es fühlt sich an wie in einem GoCart während einer bergauf- Passage. Wir machen weiter Höhe und entfernen uns ein wenig von Heubach. Angelika erklärt mir, daß in Sichtweite zum Platz in ausreichender Höhe eine erste einfache Figur versuchen werden. Mit Erreichen einer prägnanten Landmarke- ein höherer Turm mit rotweißem Mast an der Spitze sind wir im Übungsgebiet angelangt. Nach einer kurzen Rückfrage ob ich bereit wäre, bestätige ich und Angelika setzt wie angekündigt aus dem Horizontalflug zur ersten Rolle an.

Schlagartig wird mir klar, daß das hier mit nichts vergleichbar ist, von allem was ich bis jetzt erlebt habe. Es hat nichts mit mit einer schnellen Autofahrt zu tun, bei der das Auto in der Kurve schreit, rutscht und die Räder in den Radkästen auf- und abstempeln, es ist nicht damit vergleichbar wenn man im Skifahren über eine Kante springt um beim Wiederaufkommen auf der Piste gleich wieder den Berg die Stahlkanten des Skis schmecken zu lassen und es ist auch nicht mit den Kurvenfahrten vergleichbar, die man beim Motorradfahren genießt, während man die Gegend einatmet und feierlich versucht die Welt in Schräglage zu umarmen. Es gleicht im Ansatz eher einem Freibad-Sprung ins Wasser: gerade eben hat man noch den Startblock bzw. die Asphaltpiste unter den Füßen, schwebt für kurze Zeit über dem Wasser bzw, man gewinnt an Höhe und plötzlich taucht man ein in ein anderes Medium, in eine komplett andere Welt.

Ähnlich wie beim Eintauchen ins Wasser scheinen die Luftmoleküle plötzlich das Flugzeug von allen Seiten zu umspülen und es gibt Kräfte und Rückmeldungen von allen Seiten. In einer Intensität und Kraftentfaltung, wie ich sie nicht kenne.

Wir sind definitiv in der Luft drin.

Das ist in dieser Form sehr beeindruckend und völlig ungewohnt für mich.

Ich melde mich bei Angelika nach der Rolle über den Kopfhörer und teile ihr mit, daß ich gerne meine Gurte nachziehen möchte. Ich meine in Ihrer Bestätigung ein leises Schmunzeln gehört zu haben – da ich vor ihr sitze hat sie mit Sicherheit gesehen, wie ich während der schnellen Rolle mit meinem Kopf leicht am Haubendach angestoßen bin… also ziehe ich die Beckengurte fester indem ich die Rätsche zu meiner Rechten betätige und bitte um eine langsame Rolle zur Überprüfung der Gurte. Das fühlt sich schon besser an – jetzt streifen nur noch die Haare leicht am Haubendach. Also bitte ich nochmals um eine kleine Warte-Einheit und ziehe meine Schultergurte nach. Das gelingt nicht ganz so mühelos wie das Betätigen der Rätsche, doch ich bekomme es hin. Die anschließende schnelle Rolle zeigt mir, daß es jetzt hinhaut mit den Gurten. Die Rollgeschwindigkeit ist beeindruckend. Das Flugzeug wirkt wie entfesselt. Ich gebe Ihr die Rückmeldung, daß die Gurte nun so funktionieren wie sie sollen.

Angelika freut sich und kündigt an, daß wir nun die ersten einfachen Figuren fliegen werden. Wir setzen an zum Looping. Nachdem wir etwas Fahrt geholt haben drückt es mich kräftig in den Sitz und ich bekomme mit etwas Mühe meinen Kopf noch über meinem Oberkörper gerade noch ausgerichtet und dann geht es aufwärts. Sehr lange aufwärts. Fasziniert blicke ich geradeaus und warte was passiert. Irgendwann ändert das Blau des Himmels seine Intensität und siehe da- der Horizont kommt wieder. Nur von der anderen Seite wie sonst. Er kommt von oben ins Bild. Spaßig. Es kommt mir vor als wären wir hier im oberen Teil des Loopings wesentlich langsamer. Die Winkelminuten scheinen hier zu Stunden zu dauern …„Klar“ schießt es mir irgendwann durch den Kopf – schließlich muß ich bei meinen Modellen ja auch im oberen Teil des Loopings mit dem Höhenruder nachlassen damit der Looping rund wird. Aber das hier fühlt sich eine gewaltige Ecke anders an wie am Boden. Das hier ist echt und wir sind im Flugzeug drin.

Wir hängen kopfüber mit unseren Gurten im Dach der Welt und die Erde ist unter uns.

Während ich mich noch über das neue Gefühl freue, ändert es sich allmählich. Wir beschleunigen gleichmäßig, tauchen in den Horizont ein und die Füße über uns bewegen sich auch wieder in die Richtung Erde. Es geht abwärts und die Kräfte, die mich in den Sitz zwingen steigen deutlich an. Vermutlich hatte ich bis jetzt während der ganzen Zeit meinen Mund offen stehen gehabt. Nun in der Abwärtspassage ziehe ich meinen Unterkiefer wieder in die Richtung meiner Nase und atme konzentrierter während ich nach vorne schaue. Nach dem Dunkelgrün der Bäume taucht auch wieder Horizont auf. Wir sind rum und ich melde ein ok.

In der anschließenden größeren Rechtskurve sehen wir aus der Entfernung einige Segelflieger, die auch das schöne Wetter nutzen. Ein paar kreisen und einer macht Strecke. Alle freuen sich über das gute Wetter. Nach dem Ausrichten des Fliegers und Rückfrage setzt Angelika zu einem weiteren Looping an: diesmal drehen wir noch während dem Schwung holen in der Abwärtspassage eine Rolle rechts herum und dann geht es wieder hoch, wie gehabt. Aber diesmal schaue ich nach links über die Flügelspitze hinaus. Ich kann erkennen, wie sich der Horizont gleichmäßig um das Visier dreht. Das Gefühl deckt sich mit dem Bild und kurz vor dem Erreichen des oberen Scheitelpunktes blicke ich nach vorn. Da ist er wieder, der Horizont „von oben“. Ich habe erwartet, daß er da auftauchen wird. Während ich in den Gurten hänge, versuche ich mich zu orientieren; ich kann einzelne Baumgruppen und Geländeformationen erkennen. Irgendwie ist das cool. Da geht es auch schon wieder abwärts. Der Scheitelpunkt scheint dieses Mal schneller vorbeigekommen zu sein und ich melde auch nach dieser Figur mein Wohlbefinden.

Angelika scheint zufrieden mit mir zu sein und fragt, ob ich mir eine Kuban-Acht vorstellen könne. „Ja, kann ich“ ist meine Antwort. Sie erklärt mir, wir auch dieses Mal mit einer Rolle bergab die Figur beginnen werden und gibt mir ein wenig Zeit zu begreifen, was kommen wird. Dann geht’s los- rechts herum und direkt im Anschluss aufwärts. Das Visier an der Flügelspitze zeigt mir wieder die Drehung der Welt bis es wieder abwärts geht; die erwartete halbe Rolle folgt rechts herum und mit ihr geht mein Blick nach vorn. Angelika zieht und wir werden ordentlich in die Sitze gepresst. Am unteren Scheitelpunkt versuche ich meine Arme, die fast in Schulterhöhe horizontal vor mir auf der Gitterrohrkonstruktion des Rumpfes liegen ein wenig zu bewegen, doch es geht nicht. Sie kleben förmlich auf den weißen Rohren der Rumpfkonstruktion als würde jemand von unten mit einer gigantischen Vakuumpumpe dran saugen. Nur die Fingerspitzen kann ich ein wenig bewegen. Und dann geht es aufwärts. Richtig aufwärts. Ich schaue immer noch nach vorn und beobachte wieder das Blau des Himmels. Es verändert sich, doch anders wie das letzte Mal. Seitlich ins Bild kommen leichte graue Störungen.

Mist. Ich kenne das. Das sind keine Cumuluswolken, das ist mangelnder Blutdruck, der sich hier zu Wort meldet. Ameisenrennen am Bildrand. Während ich noch mit meinen Bildstörungen beschäftigt bin folgt die halbe Rolle abwärts und der Ausflug aus der Figur. Angelika erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Hmmm. Nicht so gut. Ich gebe meine Probleme im zweiten Aufwärtsteil bekannt und bitte um eine kleine Verschnaufpause. Völlig souverän schaltet Angelika in den Spazierflugmodus und die kleine Maschine schnurrt wie auf Schienen durch die Lüfte. Während ich verschnaufe, muß ich feststellen, daß ich in meiner Dussligkeit die Orientierung verloren habe. Ich erkundige mich nach dem Platz und kann ihn nach einigen Hinweisen wieder erkennen. Danke. Während ich in mich hineinhöre um meinen eigenen Zustand zu analysieren dämmert mir so allmählich, daß Kunstflug wirklich eine äußerst sportliche Angelegenheit ist; Fitness und eine vernünftige Ernährung sind vermutlich Grundvorraussetzung für diese Königsdisziplin des Luftsports. Oft gehört, jetzt endlich kapiert.

Während ich darüber sinniere taucht vor uns in einiger Entfernung Heidenheim auf, die gesamte Landschaft wirkt bei diesem herrlichen Licht am Nachmittag sehr aufgeräumt. Nach einiger Zeit erkundigt sich Angelika, ob ich mal versuchen wolle, das Flugzeug zu steuern.

Das ist ein Traum. Klar will ich. Darüber denke ich schon lange nach- ferngesteuerte Modelle funktionieren ähnlich wie die großen Flugzeuge. Ob ich es wohl hinbekommen werde, das Flugzeug zu steuern- und – wie wird es sich anfühlen ? Gerne ergreife ich nach dem „ok“ vorsichtig den Steuerknüppel der vor mir im Fußraum aufragt und bewege ihn vorsichtig zur Seite. Er läßt sich mit fast keinem Kraftaufwand ganz leicht bewegen. Spontan neigt sich das Flugzeug zu Seite. Die Querruder wirken sehr direkt, das Flugzeug dreht sich schnell ein paar Grad um die Längsachse. Eine leichte Bewegung des Steuerknüppels in die andere Richtung und das Flugzeug liegt wieder fast gerade. Ein bisschen überdreht habe ich, aber macht nix. Ich kündige an, daß ich einen großen Rechtskreis versuchen möchte. Alles klar- und los geht’s. Leichte Schräglage und leichtes Ziehen. Es wirkt eierig, was ich so treibe. Das Höhenruder kommt unerwartet direkt, das ist ganz offensichtlich die Funktion für leichte Sitze und schwere Sitze. Aber was ich mit dem Höhenruder so treibe, wirkt unharmonisch. Zu dem einen echten Luftloch gesellen sich weitere handgemachte Luftlöcher von mir; die Höhenruderfunktion meiner rechten Hand und das sich einstellende Gefühl wirkt auf mich etwas entkoppelt. Motorradfahren erscheint mir diesbezüglich in diesem Moment wesentlich einfacher. Versuchsweise probiere ich mal etwas mehr Schräglage und mehr „ziehen“ um enger rum zu kommen. Ich bilde mir ein, daß dies einfacher sein könnte. Ist aber nicht so. Ich bekomme die Rückmeldung, daß wir Höhe verlieren.

Hm. Das ist schlecht. Eines der Instrumente vor mir zeigt bestimmt die Höhe an; ich habe natürlich keines der Instrumente beobachtet und offensichtlich fürs Kurvenfliegen noch nicht den richtigen Blick entwickelt. Nunja. Ich beschließe nach dem Geradelegen die Seitenruderfunktion auszuprobieren, kündige dies an und sortiere meine Füße, die seither seitlich im Rumpf verstaut waren auf den Pedalen. Ich beginne leichten Druck auf meinen rechten Fußballen zu geben, aber es scheint sich nichts zu tun. Links herum das gleiche Spiel. Vielleicht ein ganz leichtes Wackeln um die Hochachse des Flugzeuges habe ich erzeugt, aber keine echte für mich wahrnehmbare Reaktion des Flugzeugs. Während ich mich mit meinen Füßen und dem Seitenruder beschäftige, bleibt aber meine rechte Hand nicht still. So eiern wir kontinuierlich durch die Luft und ich produziere gleich eine ganze Kette hausgemachter Luftlöcher.

Leicht verunsichert bitte ich Angelika weiterzufliegen, es scheint mit dem Steuern nicht ganz so einfach zu sein, wie ich mir das dachte. Ohne zu zögern übernimmt sie und das Flugzeug liegt augenblicklich wieder wie ein Brett in der Luft. Mannomann. Sie hat das echt im Griff. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich bin abermals schwer beeindruckt und fühle mich in besten Händen. Nachdem ich etwas planlos durch die Landschaft geflogen bin geht es erst mal zurück in Richtung Übungsgebiet. Wie es um meine Befindlichkeit bestellt sei erkundigt sich Angelika. Wieder etwas besser gebe ich zur Antwort, ich bin bereit für einen weitere Flugfigur am schwäbischen Frühsommerhimmmel.

Angelika kündigt einen turn an – kurze Denkpause für mich – und los gehts. Wir holen Schwung, das Flugzeug liegt kurze Zeit horizontal und dann geht es auch schon mit mächtig Druck rum um die untere neunzig- Grad Ecke. Wir steigen senkrecht in den Himmel empor; das Visier an der Tragflügelspitze zu meiner linken bestätigt diese Vermutung. Wir fliegen wirklich wie an einer Wasserwaage ausgerichtet senkrecht in den Himmel empor…. und fliegen… und fliegen… und fliegen, immer noch senkrecht hoch. Das ist wirklich unglaublich, wieviel Schwung in der Kiste drin ist denke ich mir. Ich versuche, die Geschwindigkeit zu erfühlen, irgendwie zu erahnen, mit wieviel Fahrt wir da rumfegen, doch es klappt nicht. Der Blick zum Horizont bietet für mein ungeübtes Auge kein Bild, mit dem ich die Geschwindigkeit schätzen schätzen könnte. Es gibt nichts, woran sich das Auge festhalten könnte. Ich versuche wie beim Autofahren Radgeräusche oder Vibrationen wahrzunehmen, die nun mit abnehmehmender Frequenz irgendwie auf ein Verlangsamen des Flugzeuges hindeuten würden. Aber da gibt es nichts. Unglaublich.

Wir steigen immer noch.

Plötzlich betätigt Angelika das Seitenruder und es geht oben rum. Das ist interessant. Es fühlt sich ein wenig an, wie wenn man im Skifahren mit Schwung über einen großen Buckel fährt um sich danach zu strecken und mit langen Beine in die nächste Senke fallen zu lassen. Erwartungsgemäß bleibt das Gefühl für die Kompression in der Senke aus. Ich schaue nach vorn und warte gespannt, ob die Maschine nachpendelt. Aber da pendelt nichts. Wir sind sauber rumgekommen und nun geht es bergab, der Erde entgegen. Die senkrechte Abwärtspassage dauert vermutlich ähnlich lang wie die Aufwärtspassage denke ich mir. Fasziniert betrachte ich vor mir die Schattenbildung der langsam größer werdenden Bäume unter uns. Wir hängen irgendwie locker in der Gegend rum und ich freue mich über die ungewohnte Perspektive. Unvermittelt kommt die untere neunzig- Grad Ecke. Es preßt mich satt in den Sitz und die seitliche Bildstörung erscheint wieder, diesmal aber stärker wie das letzte Mal. „Mist“ denke ich mir. Ich habe die Worte von Max nicht beherzigt und in der Abwärtspassage jegliche Körperspannung aufgegeben. Das rächt sich nun: beim Abfangen sitze ich nun wie ein nasser Sack auf dem Sitz versammelt und gleichzeitig scheint alles Blut aus meinen Adern in Richtung Bodenblech abzuhauen. Die Maschine steigt ganz leicht und Angelika drückt die Überfahrt weg, während ich noch damit beschäftigt bin meinem Blut in den Füßen hinterher zu schauen.

Den Blick in die Richtung meiner Beine hätte ich besser sein lassen. Mein Körper meldet schlagartig ungute Betriebszustände. Blutdruck: keine hundert Prozent mehr Bild: in Farbe und ohne Ameisen. Beruhigend. Magen: Inhalt und Hülle bilden seit gerade eben keine Einheit mehr. Die zwanzig Prozent Füllung haben plötzlich ein Paket gebildet, das irgendwo zwischen der 40er und 60er Marke hängt. Systemtemperatur: die muß kräftig nachgeregelt werden, mir ist warm, ich schwitze. Atmung: ist bewegt, ich pumpe.

Leise verfluche ich meinen kaffee- freien morgen. Eine Tasse zum Kreislauf anschieben wäre bestimmt von Vorteil gewesen. Aber zu spät. Ich melde kleinlaut bei Angelika, daß ich nicht hundertprozentig fit bin.

Kein Problem. Die Maschine schnurrt sofort wieder im bereits bekannten Wohlbefindlichkeitsmodus. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt habe atme ich wieder wieder normal und gleichmäßig. Ich bitte Angelika um eine Rolle zur Befindlichkeitsüberprüfung meinerseits. Oh-oh. Nicht gut. Ich spüre zwar, daß prinzipiell der Kreislauf funktioniert, aber mein Magen meldet Eigenleben. Das ist schlecht. Vermutlich braucht es nur noch zwei oder drei Figuren und dann wird dem Anklopfen des Mageninhalts an der oberen Magenpforte stattgegeben. Ich betrachte die Welt direkt vor mir und erkenne unterhalb der lustigen Luftdüse, die in einer voll beweglichen Kugel sitzt viele Ecken und Winkel im Cockpit. Für den Fall, daß ich die Geschichte mit der Papiertüte, die in Griffweite für den Notfall bereit liegt nicht hinbekomme sind hier furchtbar viele Ecken und Winkel zu putzen. Das will ich mir und dem schönen Flieger ersparen; ein entspannter Sonntag sieht für Angelika sicher auch anders aus. Also treten wir lieber den Rückweg an.

Ruhig und beschaulich fliegt Angelika einen weiten Bogen, der Platz kommt in Sichtweite. Die Jungs und Mädels sehe ich am Rande einer Wiese stehen. Steffens orangenes T-Shirt ist schon von weitem zu erkennen. Ich denke, sie haben uns schon wahrgenommen. Als wir näher am Platz sind bitte ich Angelika noch um ein Rolle- und schwuppdiwupp sind wir auch schon rum. Coole Sache, das haben jetzt bestimmt alle gesehen! Aber so richtig gut geht´s mir nicht mehr. Ich teile dies Angelika mit und die steuert ohne Umschweife das Flugzeug direkt die Richtung des einen Platzendes. Interessanterweise schweben wir in kräftigem Schiebeflug auf den Platz rein- damit Angelika, mit hohem Anstellwinkel fliegend an mir vorbei auf die Piste schauen kann. Kurz vor der Landung zieht sie das Flugzeug gerade und wir setzen butterweich auf. Am Platzende biegen wir links auf den Taxiway ein, rollen schlangenlinienförmig abwechselnd mal rechts, mal links rausschauend zum Hangar bis wir schließlich stehenbleiben.

Dort angekommen läßt sie den Motor verstummen; die Kabinenhaube wird geöffnet. Ich bin überwältigt und halte erst mal inne. Nachdem ich den Kophörer abgesetzt habe, schäle mich unter der Anleitung von Max aus den Gurten raus und entsteige dem Flieger mit weichen Knien. Noch wenig ansprechbar sinniere ich vor mich hin und hänge ein wenig dem Erlebten nach. Für Angelika war der Flug vermutlich viel weniger aufregend wie für mich – gemeinsam mit Max beantwortet sie direkt am Flugzeug die vielen neugierigen Fragen der Jungs und Mädels.

Im Anschluss daran geht es gemeinsam in das wenige meter entfernte Flughafen-Café wo wir freundlicherweise noch extra Kuchen organisiert bekommen obwohl es schon sehr spät am Nachmittag ist. Alle sitzen gemeinsam an einem großen Tisch: die Freunde, Angelika, Max sowie zwei ihrer Fliegerkameraden. Man gönnt sich ein kleines Getränk; wer Lust hat, ißt einen Kuchen und der späte Nachmittag beginnt in angenehmen Gesprächen zu versinken ….

-flashback-Ende -

Bilder

Spitzen-Aktion: da denke ich jetzt noch gerne dran ! D

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